Beobachtung der Herbstzeitlose
I. (SONATINE)
Ich liebe die Herbstzeitlose, ich
Lieb sie so sehr. Diffus sie im Lichte und
Vom Marsfeld her die Schatten
Am Kopf die dunkelblauen Mützen schräg, Gauloise
Im Mundwinkel und hier im Bistro
Stehen sie alle einher. Pernod
Schon nicht.
Heutiger Verkehr versinkt in großer Nebelsauce
Pauls "Himmel von Paris, die große Herbstzeitlose."
II. (MENUETT)
Hast du gesehen, indes am Glitscherseile
Du hängst und Herbstzeitlose dich umgibt
Daß Notre Dame ist eine große Eule
Die dich betrachtet und zerhackt, weil sie dich liebt?
III. (BLUES)
Hundsfott zwischen den Autos, Hundsfott in
Blinkenden Augen, föttisch und wie gelbe
Aus mir raus das krumme salbadernde Vieh
Rennt vor mir her, hinterdrein mit Schultern
wie aus dem Gewandhaus, ungekegelt
Das Lichtschnappen meiner Visage hin zu
Vom Gekicher angepfefferten Verfinsterungen vor
Mir das Vieh, ich starre auf das Gezottel
Vor mir dahin und wie es stinkt das Ichtier
Scheißt alle meine Trottoire glitschig, sowas von
Asphalt, was ich in Zähnen hab und Dauertöne
Durchsprengselt mit dem Koloraturgelächter Saint Denis
Denn dort picken die Mammas ihre Krümel
Weg von der Salzlandschaft des inneren Gestöhns
Am Boulevard Sebastopol nehm ich mit sieben Griffeln
Mir meine Hoden und ich schmeiße die aufs Salz
Das schweigt. Hundsfott und Katzenfott verringeln
Daweil der Schnee die leisen Seelen schneidet
IV. (SONATE)
Die Minusgrade bleiben eine gute Weile
Der Schnee mischt sich im Sturm und der fegt lang
Die Seine hinauf. Ich ging gemürbt die große Eule
Notre Dame vor Augen ins Petit Pont und trank
Und trank, durch rue de la huchette
Wirbelten Flocken, von Saint Severin
Bimmelte ein magres Glöcklein Bettler in die Reih
Ich ging vom Wein weg, hin zur Bimmelstätte
Stand aufgebauscht im kalten Februar da
Daweil die Bettler vorrückten zur Suppe
In meinem Rücken schlürfte diese Schmuddeltruppe
Und kriegte Wärme in den Bauch. Der Himmel
klar
So daß er überzog mit Sternenlicht die üble Route
Der ich mich überließ und nahm die Herbstzeitlose wahr
V. (ROMANZE)
Juliette aus dem Osten von Paris
Erinnerst du dich noch an mich, jetzt bist du sechzig
Ich siebenundvierzig, doch damals
In deinem kleinen Zimmer war dein Körper groß
Und alle Hoffnungen in unserm heiklen Schoß
Mir geht es unterdessen leidlich mies
In ein paar Jahren bin ich selber sechzig
Und meine Lenden wachsen mir in Hals
In deinem kleinen Zimmer dort im Osten
Juliette, wolln wir die Klapperzeit verkosten
Auf deinem Tischchen nach wie vor die blasse
Rose
Ich bring in meinen Bronchien mit deine geliebte Herbstzeitlose
Du Frau, dein Haar ist weiß, dein Blick ist wund
Ich mitternächtig küsse dich auf deinen Murmelmund
Und in Ménilmontant steht still der Sturm,
nur Sterne
Scheinen ins Zimmer rein, es ist zu nett.
Ich bleib dir ferne, grüße dich von dort, Juliette
VI. (BALLADE)
Und hauten sich, das war vor vielen Jahren in
Der Rhumerie am Boulevard Saint Germain
Und haun sich noch, ich gehe durch das Zeug
Einher geh ich und hau mich Tag und Tag
Denn hauen ist viel besser als bereden
Sich selber ficken besser als spazierengehen
Unds Lampenpack von Sprache straßenlang
In tiefer Nacht vertrunken pempern lassen
Bis die Laternen sich das Licht in ihrem Innern
Verquält ausblasen, besser dunkel als
So dröge vor sich hin die Avenues
Entlange scheinen also Fisternisse
Machen Kulissenstories, unterdessen sie
Sich hauten, haun und hauen werden
Ich selber haue mir mein Fäustchen in den Nabel
Breche zusammen in Cluny und flüstere
Mit dem geschwollenen Nabel dann von du zu du:
Papá kommt vor. Und Clowns. Und Leben nicht so
VII. (ELEGIE)
Ich trinke vor mch hin, das Trinken
Ist nicht so auffällig wie sogleich versinken
Hat in der Speichelethik eine Diskretion
Um mit dem schwarzen Tuch, ich fahre weg, zu winken.
Ich wink mir zu mit einer Flasche Côte du Rhône
Ist scheußlich wie so sehr bombastisch
Auf alle Böden dieser Welt ich hinschlagen tu
Doch schwankend stehn statt liegen ist fantastisch
Im Zwiegespräch mit Arthurs Kakadu
Dem Kakadu? Du findest diesen Vogel
Nicht angebracht in diesem nachgelaßnen Nebel?
Doch da ist der, zitronengrün beim Selbstgemogel
Gehört er meiner Brut an neben Eule Goya Hegel
Noch vor der Herbstzeitlose, die mich unbedingt
Zu ihren Blättern nimmt, damit das Sterben
Vor sich hin fällt, aufschlägt, im Verderben
Noch tragödisch nachhallt. Lieber hoch das Zeug und trinkt
VIII. (MINNEGESANG)
Und wenn ich treffe meine Freundin Phoebe
Mit der ich in Belleville mir meinen Steiß verkühlte
Und wenn ich rede mit der liebsten Gudrun
Wenn alles dann vorbei ist, sitz ich da.
Habe nur mich, die Quadratur des Körpers
Sogleich ruf an ich Peter in Berlin
Beschimpf noch Marion, weil in meiner Nähe
Hamburger Juden keine Heimstatt finden
Und klinge einsam hör dem Schweigen
Mit Leidenschaft so nach, kein Ton, kein Blick
Ich wälze auf den Rücken mich zurück
Und mag mich ganz zum eignen Traume neigen
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